Vor 123 Jahren, im Februar 1903, erschien Tonio Kröger zum ersten Mal. Damals wie heute im S. Fischer Verlag. Sicher, auch im ‚Tonio Kröger‘ erörtert Mann das (eigene) Lebensgefühl als Künstler. Doch ‚Tonio Kröger‘ ist vor allem eine der zauberhaftesten schwulen Novellen. Die Novelle, so schreibt Thomas Mann 30 Jahre später, stehe ihm näher, als ‚Der Tod in Venedig‘, denn sie sei stärker in ihrer jugendlichen Authentizität. Die Erzählung beginnt mit stimmungsvollen Naturbildern. Der scheue und etwas schwächliche Tonio ist dem starken Blondschopf Hans Hansen verfallen, der sich vor allem durch ein schlichtes Gemüt auszeichnet. ‚Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon Vieles um ihn gelitten hatte.‘ Die gemeinsam bestaunten Pferdebilder machen dann klar, dass es nicht um eine Schulfreundschaft, sondern um blankes sexuelles Begehren geht. Doch Tonios Liebe bleibt unerfüllt. Ein kurzer Versuch, mit der Tanzstundenbekanntschaft Inge etwas anzufangen, scheitert, Tonio erkennt, dass nicht Liebe, sondern Selbstverleugnung sein Motiv war. Tonio verlässt die Stadt und wird Künstler. Jahre später trifft er Hans und Inge wieder – nur um die unüberbrückbare Distanz festzustellen, die zwischen ihnen liegt, die aber zugleich Antrieb für sein eigenes künstlerisches Schaffen ist.